Rheinische Post (Düsseldorfer Feuilleton), 21.01.2004

An der Schicksalspforte 

Seine Genres sind Weltanschauungs-Puzzle, Porträt und Landschaft:
Thomas Jessen stellt zurzeit in Halle 6 an der
Neumannstraße aus. Und lehrt die Betrachter von neuem das Staunen.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Gute Maler gibt es nach wie vor. Auch in deutschen Landen. Einziges Manko: Viele Künstler suchen vergeblich nach packenden Themen, haben folglich ein Problem damit, etwas Innovatives, Überraschendes auf die Leinwand zu zaubern. Umso mehr darf man sich Thomas Jessen freuen. Der hat nämlich beides: Ein umwerfendes Mal-Talent und das Gespür für ein Thema, das den Betrachter innehalten lässt, ihn nachdenklich stimmt, ihn ratlos und unruhig macht.

Jessen (Jahrgang 1958) beherrscht das Kunststück, traditionelle Stoffe, Gattungen und Motive in ungewohnter Weise aufzubereiten. Der Maler kennt seine künstlerische Ahnen – er zitiert Caravaggio, implantiert ein Werk des Italieners sogar mitten in eins seiner Gemälde, der „ungläubige Thomas“ schiebt da seine Hand tief in die Wunde des auferstandenen Christus. Womöglich ein Gleichnis für die Arbeit des Malers Thomas Jessen, der mit seinem Künstlerblick die Oberflächen des Sichtbaren durchdringen möchte. Mit solcherlei Neu-Inszenierung macht er uns nebenbei bewusst, dass die wirklich wichtigen Fragen von heute eben immer noch dieselben sind wie vor 500 Jahren.

Das Mysterium scheint in virtuosen Bildern auf

Wenn Jessen die Welt anschaut, fotografiert oder malt, gibt es sein Staunen an uns weiter. „Seht doch mal genau hin!“ – so der unsichtbare Appell seiner Bilder. Soll heißen: Eine sensible, unvoreingenommene „Welt-Anschauung“ reicht im Grunde schon aus, dem an allen Ecken, in jeder Blume, in jedem Gesicht durchscheinenden Mysterium zu begegnen.

Jessens Kunst bezaubert im wahrsten Sinne des Wortes, weil sie dieses Mysterium in virtuosen Bilder aufscheinen lässt. „Stroh zu Gold“ lautet der Titel der Ausstellung. Auch das ist richtig: Denn im Stroh, in der Farbmaterie, im virtuosen Nebeneinander von Farben und Formen spiegelt sich das Gold, das Numinose und die ganz eigene Welt dieses Malerphilosophen.

Die Aura der frisch in die Welt geworfenen Wesen

Beispiel: Seine gemalten Kinderporträts. Sie bestechen zunächst durch ihre lebensechte, fotografische Ähnlichkeit. Viel wichtiger erscheint die Beobachtung, dass es Jessen gelingt, uns ein Bild von der Aura dieser staunenden, frisch in die Welt geworfenen Wesen zu malen. Ob man mit der Kamera zu ähnlichen Ergebnissen käme? (Jessen präsentiert listig ein gemaltes Bild und ein fotografiertes Bild nebeneinander, er fotografiert aber auch einige seiner gemalten Werke, um die Verwirrung komplett zu machen.) Seine Tochter Veronika lässt er von einem nachempfundenen Werk des Malers Franz von Stuck posieren. Wieder der Rückblick auf die Ahnen: Nicht nur Kinder, auch Künstler dürfen, sollen stets dieselben Fragen stellen.

Wer durch die riesige, winterkühle Halle 6 an der Neumannstraße wandert, kommt ins Staunen. Da präsentiert sich „Sophies Welt“ als Panorama auf 915 Quadratmetern. Jessens Weltanschauungs-Puzzle, seine eindringlichen Porträts und Landschaften zeugen wahrlich vom Fleiß und der berstenden Kreativität des Künstlers.

Ganz am Ende des Rundgangs steht man vor den anrührenden Kinderporträts. Veronika und die anderen verharren da in geheimnisvollen Ornament-Nischen. Suggestive Psychogramme sind dem Künstler hier gelungen. Seelenbilder von Kindern an der Schicksalspforte. Ein Triumph der Malerei, denn so etwas lässt sich nicht knipsen – behaupten wir mal.

KLAUS SEBASTIAN

Bis 31. Januar; täglich außer montags 12 – 19 Uhr

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> vgl. Rheinische Post (Düsseldorfer Feuilleton), 21.01.2004

» Ausstellungen / Thomas Jessen - Stroh zu Gold, 2003/2004