» Ausstellungen / ex neuron, 1999 und 2000

 

Markus Lüpertz

Biographie

 
   

1941

geboren in Liberec, Böhmen

1956 - 1961

Studium an der Werkkunstschule, Krefeld bei Laurenz Goosens und an der Kunstakademie Düsseldorf

1970

Preis der Villa Romana

1974

Studium der Malerei bei Professor Werner Professur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe

1986

Professur an der Kunstakademie Düsseldorf

seit 1988

Rektor der Kunstakademie Düsseldorf
lebt und arbeitet in Berlin, Düsseldorf und Karlsruhe

   
 

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Vorgetragen am 7.7.2000 von Dr. Reinhard Spieler
auf der Vernissage der Ausstellung
"ex neuron. Der ganz normale Wahnsinn"
im stilwerk  Grünstr. 15  40212 Düsseldorf

"ex neuron. Der ganz normale Wahnsinn"
10. Oktober - 17. Oktober 1999
Im "Künstler-Verein Malkasten"  Jacobistr. 6  40211 Düsseldorf

 

Malerwahn

Genie ist die einzige Gelegenheit,
wahnsinnig zu werden,
ohne seine bürgerlichen Rechte zu verlieren.

Irresein ist
Zittert der (leicht) Verschuppte,
Bläschen im Mundwinkel,
Speichel blubbert,
verwirrter Blick streift nichts,
läßt alles sein,
Was bleibt - manisches Ziehen
und Zerren an Stiften und Blei,
Farben als springende Rösser,
Löcher, Tümpel,
die kreisen und kreisen,
taucht der Tiefenmesser Pinsel
ins Unergründliche.
Verblüfft vom Wechsel weiß zu bunt
Überraschung.Daneben hochhausstapelt der Papierberg
knittrig zerrupft
oder staubfrei akkurat,
spitzpinselig oder breitspurig
mit bleckender Zunge.
Schielend vor Konzentration
verwirrt der Flug der Fliege,
brummt die Hummel Angriff,
wird das wilde Schlagen zur Jagd,
getrieben und
eingekesselt.
Bewaffnung,
ein Beil vielleicht,
das die Hummel hackt,
die ohne Treffer
durch das zerschlagene Fenster flieht.Schluchzt der Jäger oder grient,
lutscht am farbverschmierten Finger,
weiß die gerunzelte Stirn nichts vom Geschehenen,
nur leichtes Unwohlsein
trübt den Spiegel der Seele.
Stören nicht die blöd geschnittenen Haare,
stören nicht immer die groben Schuhe
die voll sichtbar
unter zu kurzen Hosen -
die Wahnsinnsuniform, allen vertraut und
von allen gefürchtet,
die aus Liebe beibehalten wird.
Die Liebe als Flucht vor der Realität,
die immer bequeme Form der Resignation,
die in der Gleichgültigkeit des Verzichtes ihre Vollendung erfährt.
Kreist die irre Hand im Kreise herum,
schlängelt die irre Hand die unendliche Linie,
wieder kreisend;
dann stockend,
bricht der Stift,
dann weiter, Verdichtungen,
starrt ein Auge, immer nur eins,
dann doch das andere
zu weit versetzt,
dann ein Wald aus Augen,
Augen, Bäume
im Luftschlangenhain,
gefährdet durch schnappende Mäuler,
belauscht durch riesige Ohren,
über und über gepunktet,
und nicht nur die Ohren,
der ganze Wald
gepunktet
gepunktet, gepunktet,
erst ... farbig,
dann schwarzweiß
dann nur weiß
dann schwarz
dann schwarz
dann schwarz,
... schwärzer, weißer,
dann Fingerspuren,
Reste abgebrochener Fingernägel,
leichte, feine, dünne, zarte Blutspuren,
kleine Gerinnsel im wäßrigen Weiß,
Signale -
und immer Blut.
Muß Blut sein,
der unglaubwürdigste Beweis,
Beweis von Hingabe, Auflösung,
Beweis einer Überschreitung,
das Rot immer als Blut
und nichts anderes ist Rot,
immer Blut.
Die Luft und das Wasser der anderen Seite.Sind die dicken, schwarzen Linien,
die immer wieder nachgezogenen Linien,
die immer wieder übermalten,
dann wieder nachgezogenen,
aufgetragenen, gesuchten,
wieder nachgezogenen
Linien,
diese Gedankenschlangen,
dieses Ottergezücht,
das sich ekelig häuft,
ballt, giftet, schnappt,
sind diese Linien
Wälle, Schutzwälle wogegen, vielleicht
gegen uns, dich, mich,
sie und ihn, gegen
alle und Vater und Mutter,
Opa und Oma, die ganze Vergangenheit,
diesen Schutzwall gegen die Zukunft
oder Tod.
Oder gegen die Sehnsucht Tod,
der bei einem gesunden Irrsinn
keine Gefahr und keine Angst birgt,
als Glücksverheißung nur bedroht.Überlagern dicke schwarze Striche,
begrenzt durch tümpelichtes Weiß, das
von Sand gestockt
krustig fladenhaft platzt.
Greifen aus den Linien achtfingrige Hände,
neunfingrige Fußkopfhandkörper, die auf
Hinternmösenkniekehlenschamhaarpanzern pissen
und an Hautaufschlitzgeschlechtsfalten
Papier zerreißen.
Sind dann die zerrissenen Papiere ein Art Wohlstand,
Konfetti, die zu jeder
Jahresfeier der Davongekommenen
in den Gegenwind gestreut werden.
Baden die aufmerksamen Wächter der Grenzlinien
in den offenen Seelen,
waschen ihre übereifrigen Hände
unschuldig in den trüben Teichen
offener Gehirnschalen,
betrachten mit spatzenhafter Neugierde
die langsam greifenden Fesseln
bürgerlicher Konventionen,
die im Schachbrettmuster von schwarz und weiß
Erlösung verkaufen.Ist Kunst getarnter Wahnsinn,
und somit kann Wahnsinn keine Kunst sein.

Markus Lüpertz

     

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