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Vortrag Prof. Dr. Wolfgang Gaebel

(www.kompetenznetz-schizophrenie.de)

Kunst und Psychiatrie

zur Ausstellungseröffnung

"ex neuron. Der ganz normale Wahnsinn"
im stilwerk,  Grünstr. 15,  40212 Düsseldorf, 7.7.2000
C.K. CONSULT CHRISTINE HÖLZ

 

 

 
 

Prof. Dr. Wolfgang Gaebel

Sehr geehrte Frau Hölz, meine sehr verehrten Damen und Herren,

was verbindet, was unterscheidet Kunst und Wahnsinn, oder allgemeiner - Kunst und Psychiatrie? "Ungeübte Geisteskranke, besonders Schizophrene, schaffen nicht selten Bildwerke, die weit in den Bereich ernster Kunst ragen und im einzelnen oft überraschende Ähnlichkeiten zeigen mit Bildwerken der Kinder, der Primitiven und vieler Kulturzeiten. Die engste Verwandtschaft aber besteht zu der Kunst unserer Zeit und beruht darauf, daß diese in ihrem Drange nach Intuition und Inspiration seelische Einstellungen bewußt erstrebt und hervorzurufen sucht, die zwangsläufig in der Schizophrenie auftreten. Erleichtern uns solche Zeitströmungen ... den verstehenden Zugang zu dem schizophrenen Seelenleben, so gewinnen wir vielleicht rückläufig aus diesem Einblick Hilfsmittel zu einer Wertung der Zeitströmungen" - so der Psychiater Hans Prinzhorn in der Zusammenfassung zu seiner Monographie Bildnerei der Geisteskranken (1921).

Bereits vor ihm hatte der forensische Psychiater Lombroso in Der geniale Mensch (1890) festgestellt: "Die Neigung zur Kunst ist bei den Irren sehr ausgesprochen und kommt bei fast allen Irsinnsformen vor." Er konzedierte den Werken der malenden 'Irrsinnigen' Originalität und stellte die These auf, daß "die Einbildungskraft in ihren phantastischen Schöpfungen um so lebhafter und bizarrer ist, je mehr der Geist gestört ist."

Hier ist allerdings zu unterscheiden zwischen psychisch Kranken, die - ohne Künstler zu sein - unter dem Einfluß der Krankheit kreativ tätig werden, und denen, die als Künstler psychisch krank werden und einen Stilwandel erleben.

Das Thema ist im folgenden sowohl von kunsttheoretischer wie psychiatrischer Seite aufgegriffen worden. Genannt seien hier der Surrealismus, der die Kunst der Geisteskranken rezipierte, die von Dubuffet inaugurierte Bewegung des Art brut in Abgrenzung zur Art culturel, die von Paris ausgehende Strömung des 'Primitivistischen Expressionismus' mit ihren Ausläufern im Informel, aber auch die Aktivitäten der Internationalen Gesellschaft für Psychopathologie des Ausdrucks, die psychiatrische Künstlerinitiative von Gugging um Leo Navratil und andere. 1950 fand anläßlich des I. Weltkongresses der Psychiatrie in Paris eine große Ausstellung mit psychopathologischer Kunst statt, 1983 wurde eine Sektion für Psychopathologie des Ausdrucks der Weltpsychiatriegesellschaft gegründet. Auf dem XI. Weltkongreß der Psychiatrie 1999 in Hamburg fand die Ausstellung Psyche und Kunst große Beachtung.

Gibt es Annäherungen oder gar Gemeinsamkeiten zwischen Künstlern und psychisch Kranken? Die Übergänge zwischen gesund und krank sind fließend, wir haben hier gelernt, dimensional zu denken. Um noch einmal Prinzhorn zu zitieren: "Der Maßstab 'krank-gesund' hat für die künstlerische Wertung eines Werkes weder Recht noch Sinn, so wenig wie der andere 'künstlerisch gut-schlecht' für die psychiatrische Meinung über den Seelenzustand eines Menschen." Eine gültige Auffassung, die, wenn sie gehört worden wäre, den nationalsozialistischen Bildersturm auf eine als 'entartet' diffamierte Kunst hätte verhindern müssen.

Die "Verwandtschaft" zwischen "Geisteskrankenbildnerei" und expressionistischer Zeitkunst sieht Prinzhorn in der den beiden eigenen Weltabkehr und Hinwendung zur Innenwelt. Beide entstammen einer besonderen Distanz zur Außenwelt - die eine allerdings eher frei gewählt als die andere. Distanz schafft stärkeren Selbstbezug, freieren Umgang mit 'Mythen', erleichtert die Thematisierung des Abgründigen, macht frei für Visionäres, öffnet den Blick auf sozial Verpöntes, Verdrängtes - isoliert aber auch in Eigenwelten.

Aus Distanz erwächst dem einen künstlerische Spannung, die sich im künstlerischen Ausdruck löst - dem anderen mag sie das Leiden an der Alienation erleichtern, als Bewältigung von innerem Chaos und Konflikt, als Selbstheilungsversuch und Identitätsstiftung verstanden und therapeutisch genutzt werden. Insofern beinhaltet das Spannungsfeld zwischen Individuum und Umwelt auch ordnendes Potential - für den Künstler als (zeitweilig gewollter) kreativer Rückzug, vielleicht auch verbunden mit der Erfahrung als sozialer Antipode oder als enfant terrible, für den psychisch Kranken als ungewollt und dauerhaft Ausgestoßener, mit dem Stigma des Geisteskranken Versehener und sozial Diskriminierter.

Wenn Kunst als Ausdruck, als Chiffre vorverbaler Prozesse mit eigener Grammatik und Semantik verstanden wird - wie in einer Psychopathologie des Ausdrucks, einer Graphical language of insanity (Andreoli 2000) -, in der sich Vorbewußtes nach bestimmten Formprinzipien materialisiert, dann mag an der Quelle beim Kranken wie beim Künstler gleiches 'Urmaterial' stehen. "Das Werk entsteht nicht aus Gesundheit oder Krankheit, sondern aus Gestaltungskraft" - in dieser Kernthese berühren sich Prinzhorn's Gestaltungstheorie und die Ausdruckslehre von Ludwig Klages.
Allein die Freiheit des Umgangs mit diesem Material ist grundverschieden. Der Kranke ist eben kein verhinderter Künstler, psychisches Kranksein in der Regel kein selbstgewähltes Exil, kein freiwilliger Rückzug in exotische Binnenwelten. Der psychisch Kranke sollte dementsprechend nicht - wie unter dem Einfluß der Antipsychiatrie-Bewegung geschehen - als der eigentlich Gesunde, aber an der Gesellschaft Leidende, dem diese Gesellschaft nur den Stempel des Kranken aufdrückt, stilisiert und falsch verstanden werden. Die "Ästhetisierung der Psychose", von der Navratil spricht, wurde denn auch von einer naturwissenschaftlich orientierten Psychiatrie kritisiert und abgelehnt.

Psychisches Kranksein hat - vergleichbar somatischen Erkrankungen - eine (neuro)biologische Dimension in deren Konsequenz basale Prozesse wie Wahrnehmen, Empfinden, Urteilen und Handeln gestört sein können, wodurch der personale und soziale Handlungsspielraum empfindlich eingeschränkt wird. Diese Einschränkung wird - wie bei anderen Kranken auch - in einer pathischen Dimension wahrgenommen und - erfolgreich oder maladaptiv - verarbeitet. Der Kranke ist eben nicht nur kranker Organismus, sondern Mensch mit kranken und gesunden Anteilen, mit Stärken und Schwächen. Er wählt in der Regel sein Anderssein nicht selbst, vielmehr - vielleicht abgesehen von maniformen Zuständen - erleidet er es und versucht es nach seinen Möglichkeiten zu überwinden. Je nach Neigung oder Begabung auch in bildnerischer Form.

Kunst im Dienste der Aufklärung über psychisches Kranksein, als Medium einer Antistigma-Kampagne etwa, wie es die Ausstellung ex neuron in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Nervenärzte im letzten Jahr anläßlich des World Mental Health Day versucht hat - das ist also zumindest ein zweischneidiges Schwert. Der psychisch Kranke ist kein Künstler per se - so wie der Künstler kein latent Kranker ist. Seine gestalterischen Produkte entziehen sich einem voyeuristischen Blick in den 'Abgrund' psychischer Verstörtheit, sie sind auch nicht der Schlüssel zum Kern seiner Erkrankung und deren Überwindung. Zweifellos aber erweitern sie - als Medium der Selbstaktualisierung und Bewältigung diesseits oder jenseits der Frage nach ihrer künstlerischen Qualität - den Zugang zur kranken Person mit Anknüpfungsmöglichkeiten für die therapeutische Arbeit.

Dass sich Gesundes und Krankes vielfältig mischt und begegnet, dass es hier keine klaren Grenzlinien gibt, wurde gesagt, meint aber noch etwas anderes. Die atemberaubenden Entwicklungen im Bereich der Neurowissenschaften lassen uns erahnen, wie unendlich komplex die Funktion unseres Zentralorgans Gehirn ist, und zeigen uns, dass es möglich ist, z.B. mit modernen bildgebenden Verfahren Zusammenhänge zwischen der Funktion von Neuronenverbünden und unserem Erleben und Verhalten - und damit auch die Mechanismen ihrer Störbarkeit - zunehmend besser zu erkennen. Das bedeutet aber auch, dass die Möglichkeiten, auf diese Zusammenhänge im Störungsfall therapeutisch Einfluß auszuüben, zunehmen, gezielter, wirksamer und verträglicher werden.

25-30% der Bevölkerung erkranken einmal im Leben an einer psychischen Störung. Depressive Störungen, Alkoholkrankheit, Dementielle Erkrankungen, Angst- und Zwangsstörungen gehören zu den häufigsten Erkrankungsformen. Nach Prognosen der WHO sind psychische Erkrankungen weiter auf dem Vormarsch. Wahnkrankheiten, hier vor allem die schizophrenen Störungen, finden sich bei ca. 1% der Bevölkerung. Sie gehören zu den schwersten psychischen Erkrankungen, die Suizidrate liegt bei 10-15%. 60-70% der psychischen Störungen lassen sich heute mit pharmakologischen, psychotherapeutischen und soziotherapeutischen Methoden wirksam behandeln - eine Größenordnung, die der Behandlung somatischer Erkrankungen in nichts nachsteht. Es sollte daher alles getan werden, um Hemmschwellen abzubauen, den Betroffenen den Zugang zu diesen Therapiemöglichkeiten zur erleichtern und Prävention zu betreiben. Wohlmeinende Verharmlosungen, das sei hier kritisch angemerkt, schaden eher als daß sie nutzen.

Nach wie vor werden psychisch Kranke stigmatisiert und diskriminiert. Die von der Psychiatrie-Enquete 1975 geforderte Gleichstellung psychisch und somatisch Kranker ist noch immer nicht erreicht. Unzureichendes Wissen der Bevölkerung über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten, Vorurteile etwa über die Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit psychisch Kranker, sowie negative Einstellungen gegenüber dem Andersartigen und Fremden tragen zu einem ausgrenzenden Verhalten der Gesellschaft - d.h. von uns allen - bei. Hier können auf Dauer nur gezielte und langfristig angelegte Antistigma-Kampagnen unter Berücksichtigung sozialpsychologischer Faktoren, wie sie von der Weltpsychiatriegesellschaft initiiert wurden und jüngst in Deutschland - demnächst auch hier in Düsseldorf mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung - implementiert werden, einen erfolgreichen Wandel in Gang setzen.

Im Spektrum der Antistigma-Aktivitäten, die von umschriebener Zielgruppenarbeit bis zu mediengestützter Öffentlichkeitsaufklärung reichen, gewinnt aber auch die Kunst ihren Stellenwert. Bildende Kunst als - bei aller kulturellen Determiniertheit - kulturübergreifendes und sprachunabhängiges Medium kann eine existentielle Perspektive vermitteln, die uns für die Erkenntnis empfänglich macht, dass unser 'normales' Funktionieren auf schmalem Grad angesiedelt ist. Auch Traum, Psychotrauma, Rausch oder psychedelisches Erleben markieren psychopathologische Erfahrungsbereiche, die uns allen zugänglich sind - die uns aber auch ver- oder zerstören können. Weder Mythologisierung noch Verharmlosung, sondern Öffnung für Grenzerfahrungen und Aufklärung über psychopathologische Formen und neurobiologische Grundlagen können das Verständnis für uns selbst und damit diejenigen wecken, für die diese Erfahrungsbereiche Lebensbereiche geworden sind. - Als Vermittlerin in diesem Aufklärungsprozess erscheint mir die Kunst hervorragend geeignet.

Meine Damen und Herren, in diesem Sinne wünsche ich dieser Ausstellung einen nachdenklichen und nachhaltigen Erfolg. Den Künstlern und Organisatoren danke ich, dass sie sich in den Dienst dieser Sache gestellt haben.

 
 

Vernissage

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